Die Tastentigerin
Roger Norrington mischt die musikalischen Karten immer neu: Einst als Ikone der historischen Aufführungspraxis gefeiert, konfrontiert er seine Hörer jetzt ohne Skrupel mit dem Sound eines modernen Profi-Ensembles, dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, deren Chef er seit fünf Jahren ist. In der Philharmonie im Gasteig ging es dabei um Beethoven pur. Mit dem 3. Klavierkonzert c-Moll und der "Eroica"-Sinfonie koppelte er die beiden großen kongenialen Evolutionswerke Beethovens.
Das Ereignis war die russische Pianistin Anna Gourari. Die in München lebende Klaviertitanin erschuf einen Beethoven wie neu: unerhört leidenschaftlich wie anrührend sensibel. Das aber schien zunächst durchaus heikel. Denn Norrington behält die Karten aus seiner ausgefeilten Kenntnis historischen Musizieren weiter in der Hand, will sagen, er vermag es, das RSO Stuttgart auf modernen Instrumenten in großer Besetzung durchaus "original" klingen zu lassen. Dezente Schwelltonagogik, knappe Artikulation und strukturell geschärfte Phrasierung verbannten jeden Bombast. Dazu die Aufstellung des Flügels im Orchester, ohne Deckel, was vom Mezzoforte an abwärts fast einen Hammerklaviereffekt erzeugte. Dem gegenüber die Brio-Tigerin Gourari, deren unglaubliche Klavierpotenz in solchem Konzept kaum aufzugehen schien. Aber das Wunder geschah: Spätestens bei der ersten Kadenz gewahrte jeder die Differenzierungskünstlerin, die eine mystisch fahle Oberstimme über abgründigen Basskantilenen als magische Parallelwelt beschwor. Ein Stern erster Größe nicht nur am Klavierhimmel, sondern am Musikhorizont.
In der 3. Sinfonie Es-Dur war dann Norrington allein zwischen der Kür "historistischer" Verantwortung und der Pflicht revolutionären Beethoven-Anspruchs. Aber wieder gelang es ihm, Kapital aus dem Spagat zu schlagen. Das hitzige Forte vertrug sich mit dem spröden Timbre; die "Marcia funebre" klang im Lichte strukturellen Hell-Dunkels womöglich noch eindrucksvoller, nur das Scherzo vielleicht etwas zu pittoresk.
Klaus P. Richter, Süddeutsche Zeitung, 13. Dezember 2003
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