Süddeutsche Zeitung
Tiefsinnig ausgeloteter Chopin / mit souveräner russischer Pianistenpracht / Unter ihren Händen blühte nicht nur die Magie der vieldeutigen Zwischentöne auf, sondern auch die Ausdruckskraft der Charakterstücke

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Kurzkritik Vexierspiel

Die Pianistin Anna Gourari in der Allerheiligen-Hofkirche
Von Klaus P. Richter

Nach tiefsinnig ausgelotetem Chopin brachte Anna Gourari die Allerheiligen-Hofkirche mit schrägem Shimmy, Boston und Ragtime zum Swingen. Das heißt, eigentlich war alles „Schräge“ eine gekonnte, aber komplizierte Dekonstruktion der kessen Tanztypen. Denn Paul Hindemiths Suite für Klavier op. 26 von 1922 verdankt sich nicht nur dem jähen Einbruch des neuen Jazz in die morbide Alte Welt, sondern auch der anarchistischen Sturm- und Drangzeit des musikalischen Laboranten, wo er sogar noch Sachen wie „Mörder, Hoffnung der Frauen“ schrieb.

Eine Hoffnung für die Musikmoderne war damals aber auch der Jazz. Als ästhetische Vitalspritze gerühmt, inspirierte er nicht nur die E-Musik, sondern befeuerte auch Beine und Bauch der „Roaring Twenties“. Hindemith als E-Musiker zog zwar den rhythmischen Profit daraus, verwandelte aber den Rest in einen vertrackten, höchst anspruchsvollen Klaviersatz, den Anna Gourari mit souveräner russischer Pianistenpracht servierte. Im einzigen leiseren Satz daraus, dem „Nachtstück“, gab sie aber schon einen Vorgeschmack auf die delikate zweite Programmhälfte: die 24 Préludes op. 11 des frühen Alexander Skrajbin.

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Und damit wurde auch der Bogen zum Anfang des Abends geschlagen, denn diese Präludien atmen noch ganz den Geist Chopins, zauberisch und voll jener dunklen Poesie, die schon Abgründiges und Unheimliches ahnungsvoll beschwört – aber noch bevor es mit der schwülen Mystik okkult inspirierten Rausches im Spätwerk übermannt. Obwohl die Stücke durch alle Tonarten noch streng in der Folge des Quintenzirkels geordnet sind, wurden die harmonischen Beleuchtungswechsel zwischen Dur und Moll oft zu Vexierspielen changierender Identitäten.

Da war Anna Gourari aber ganz in ihrem Element. Unter ihren Händen blühte nicht nur die Magie der vieldeutigen Zwischentöne auf, sondern auch die Ausdruckskraft der Charakterstücke: von mystischem fis-Moll über sinfonisches D-Dur bis zu f-Moll-Raserei, virtuos-tobendem es-Moll und tragischem g-Moll.

©SZ vom 23.05.2015