Feinste Nuancen, atemberaubende Stimmungswechsel – eine Meisterin im Aufspüren und Vermitteln dieser Stimmungen.

CD-Tip der Woche, Bayerischer Rundfunk

CD-Cover: Anna Gourari - Visions fugitives | Bild: ECMFlüchtigkeiten, Vergänglichkeiten, 20 Stück an der Zahl, hat Sergej Prokofjew zwischen 1915 und 1917 für das Klavier eingefangen. Musikalische Geistesblitze: mal eine Melodie, mal eine Stimmung, mal ein charakteristischer Rhythmus. Momentaufnahmen voller Poesie, jede einzelne kaum länger als eine Minute.

„Mimoljotnosti“ heißt die Klaviersammlung, die Prokofjew selbst 1918 im damaligen Petrograd uraufgeführt hat, nach einem Gedicht des symbolistischen Lyrikers Konstantin Balmont: „In jeder flüchtigen Erscheinung sehe ich Welten, voll vom Wechselspiel der Regenbogenfarben…“. Unter dem Titel „Visions fugitives“ sind die pianistischen Miniaturen im Westen bekannt, und so französisch wie der Titel klingen auch einige Stücke: Prokofjew, inspiriert vom Impressionismus eines Claude Debussy. Aber es steckt auch typisch motorisch geprägter Prokofjew drin.

Die Pianistin Anna Gourari beweist seit Jahren, dass sie wie wenige andere prädestiniert ist für Zwischentöne, für feinste Nuancen, für atemberaubende Stimmungswechsel binnen weniger Noten. Gefühlsvolles Klavierspiel, die Seele offenbarend und trotzdem nicht eine Sekunde sentimental. Die russische Pianistin mit Wohnsitz München hat die „Visions fugitives“ auf ihrer neuen CD beim Label ECM kombiniert mit einem anderen großen, wenn auch weniger bekannten Klangpoeten aus Russland: Nikolaj Medtner.

Medtner und Prokofjew sind dieselbe Generation und klingen doch selten so nah beieinander wie auf diesem Album, für das Anna Gourari Medtners malerisches „Märchen“ op. 26/3 in die Mitte platziert. Eine Art Scharnierstück ist diese fast rhapsodische pianistische Erzählung, hin zu Chopins Sonate Nr. 3 h-Moll. Jenes Werk von 1844, mit dem fast elfenhaften Scherzo und dem gewichtigen, ereignisreichen Largo, wiederum einer ganzen Welt voller Gedanken, Eingebungen, Launen.

Anna Gourari ist eine Meisterin im Aufspüren und Vermitteln dieser Stimmungen. Jede für sich erkennt und schätzt sie, gibt ihr Raum zum Atmen, lässt sie kommen und wieder gehen, ohne zu gewichten, ohne zu beurteilen. Immer bleibt Gourari neugierig, aufrichtig, ehrlich. Flüchtige Visionen sind es, die auf diesem Klavier-Album an uns vorbeiziehen, aber jede einzelne ist es wert, gehört zu werden.

Von: Annika Täuschel